Der freche Monatsanzeiger mit Informationen, Unterhaltung, Tipps, Trends,
Terminen und Inserationen aus Stadt und Land Hildesheim

31134 Hildesheim • Telefon: 0 51 21/2 04 07 33 • E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Viele Heimaten, starke Emotionen – zwischen Verlust und Heilung

Erzählcafé bei „Andreas um 6“ findet großen Anklang – zwischen Verlust und Heilung„Erzähl mir von der Heimat, die ich mal hatte und nicht mehr habe“, gab Superintendent Helmut Aßmann die Devise aus. Rund 60 Gäste im Andreashaus ließen sich nicht lange bitten. Der Verlust des Zuhauses am Ende des Zweiten Weltkrieges, die Flucht als Kind mit der Familie, die mal gelungene, zum Teil aber bis heute gescheiterte Suche nach einer neuen Heimat: All das und eine Woge an Emotionen spült das neue Schwerpunktthema „Heimat und...“ in der Reihe „Andreas um 6“ an die Oberfläche.


Schon beim ersten Abend mit der Berliner Journalistin Merle Hilbk war deutlich geworden, wie groß das Bedürfnis vor allem älterer Menschen ist, ihre Erfahrungen einmal in Worte zu fassen und zu teilen. Als nun der ursprünglich geplante Vortrag des innenpolitischen SPD-Sprechers Sebastian Edathy wegen Krankheit kurzfristig abgesagt werden musste, lag es für das Organisationsteam nahe, ein Erzählcafé als Ersatz anzubieten. Sabine Mertel, Professorin an der Hochschule HAWK, moderierte den Abend und gab eine kurze Einführung in die Geschichte autobiografischen Erzählens. Erst in der Moderne – mit Protagonisten wie Rousseau und Goethe – seien schriftliche Autobiografien regelrecht in Mode gekommen. Davor habe man seine Erlebnisse überwiegend mündlich weitergegeben, so Sabine Mertel. An diese Tradition des Erzählens knüpften neue Richtungen der Geschichtsforschung wieder an, das Erzählcafé sei eine der Methoden. „Was ist überhaupt Heimat: ein Gefühl, ein Ort?“, wollte Sabine Mertel von den Besucherinnen und Besuchern wissen. „Heimat ist das, was uns in den ersten Lebensjahren geprägt hat“, bot ein Mann als erste Antwort an. Die Eltern und andere Menschen, die Landschaft, das Wetter und viele weitere Faktoren seien dabei wichtig. Gleich die nächste Wortmeldung bestätigte diese Sicht. Sie sei mit sechs Jahren aus Hinterpommern vertrieben worden, sagte eine Frau, sie habe so gut wie keine Erinnerungen daran und sei an keinem anderen Ort mehr heimisch geworden: „Ich bin in meinem Leben bestimmt 25 Mal umgezogen. Es ist sehr schwer, wenn man sich nie zuhause fühlt.“ Auch eine andere Frau stellte klipp und klar fest: „Ich wohne jetzt 50 Jahre in Hildesheim, aber Heimat ist für mich Ostpreußen“. Obwohl sie sich hier durchaus wohlfühle, wie sie nachschob. Andere Gäste berichteten von völlig anderen Gefühlen und Erfahrungen. „Man schafft sich eine Heimat; wo die Kinder sind, wo die Familie ist – das ist doch Heimat“, meinte ein Mann, der im Alter von fünf Jahren mit seiner Familie aus Ostpreußen über das Ostsee-Eis geflohen ist. Eine Frau bestätigte: „Wurzeln schlagen kann man immer wieder. Es ist doch auch etwas Tolles, wenn man ganz viele Heimaten in sich hat.“ Und noch jemand berichtete, dass sie ungemein lebendige Erinnerungen an ihre ersten sechs Lebensjahre in Oberschlesien. Diese Erinnerungen seien ein Schatz und wunderschön. Dass Verlust, Trauer und Entwurzelung sich in die nächste Generation übertragen können, wurde aus zwei Beiträgen etwas jüngerer Männer deutlich. Für die eigenen Eltern sei das Loslassen noch nicht möglich gewesen, und als Kind sei man durch die Erzählungen der Eltern und Großeltern regelrecht mit traumatisiert gewesen. In beiden Fällen habe sich das erst viel später nach Besuchen in Polen aufgelöst: „Das hatte für mich etwas Heilsames.“ Es komme auf die Menschen an, denen man begegne, fasste eine Frau zusammen und berichtete von mehreren Jahren, die sie in Griechenland gelebt habe. „Dort gibt es nur ein einziges Wort für ,Gast’ und ,Fremder’. Das ist meine zweite Heimat geworden.“ Am 9. Februar wird die Reihe „Heimat und...“ um 18 Uhr im Andreashaus fortgesetzt. Pastorin Nora Steen denkt darüber nach, „wo wir eigentlich hingehören“.

Kommentar hinzufügen

Kommentare

  • Keine Kommentare vorhanden

Aktuell sind 61 Gäste und keine Mitglieder online

Die nächste Ausgabe wird online gestellt am:

03.02.2018 - 00:01 Uhr

Noch

 

Marktplatz

Online-Kleinanzeigen-

markt