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Fachtagung der Diakonie Himmelsthür zum Thema

„Unterstützte Kommunikation Hildesheim“

„Ich spreche mit den Augen“, ist Kathrin Lemlers Devise. Die Erziehungswissen-schaftlerin aus Köln meint das ganz wörtlich. Im herkömmlichen Sinne kann sie nicht reden, vielmehr formt sie Sätze mit ihren Augen.

Je nach dem, wohin sie den Blick richtet, wählt sie einen Buchstaben aus. Eine Assistentin übersetzt für alle, die das Augenalphabet nicht beherrschen. Oder ein Computer übernimmt diese Aufgabe.


Kathrin Lemler war eine der Hauptreferentinnen und -referenten bei der Fachtagung zur Unterstützten Kommunikation (UK) am Dienstag im Hildesheimer Rathaus. Die Diakonie Himmelsthür hatte Menschen mit Sprachbeeinträchtigungen, Fachleute und andere Interessierte eingeladen. Unterstützte Kommunikation ist der Oberbegriff für ein breites Feld von Hilfsmitteln, mit denen sich auch Menschen verständlich machen können, die nicht über Lautsprache verfügen. Das betrifft nicht nur jemanden wie Kathrin Lemler, die seit ihrer Geburt wegen eines Sauerstoffmangels schwer behindert und 24 Stunden am Tag auf Assistenz angewiesen ist. „Jeder gesunde Mensch kann morgen schon eine ähnliche Beeinträchtigung haben, durch einen Unfall oder Schlaganfall zum Beispiel“, rief Oberbürgermeister Ingo Meyer in Erinnerung, als er die 170 Teilnehmenden im Ratssaal begrüßte. „UK, das ist eine ganz schwere Fremdsprache“, sagte Judith Hoffmann, Regionalgeschäftsführerin der Diakonie Himmelsthür, in ihrer Einleitung. Kathrin Lemler, 29, zeigte in ihrem Vortrag, wie man ein ganzes Leben darauf verwenden kann, diese besondere Form des Kommunizierens zu perfektionieren – von der ersten Diagnose, dass sie nie sprechen oder etwas verstehen könne, zu ersten rudimentären Gesprächen mit Hilfe von Symbolen, vom Start an einer Förderschule bis zum Abi und zum Studium, das sie im vorigen Jahr erfolgreich abgeschlossen hat. Sieben Assistenten und Assistentinnen helfen ihr dabei, den Alltag in ihrer eigenen Wohnung, an der Hochschule oder in der Freizeit zu bewältigen. „Was wäre wohl gewesen“, fragte sich Kathrin Lemler, „wenn meine Mutter nicht überzeugt gewesen wäre, dass ich kommunizieren kann?“ Verständigung ist immer eine – mindestens – zweiseitige Angelegenheit. Darauf wies auch Claudio Castaneda von der Beratungsstelle Unterstützte Kommunikation und Autismus in Köln hin. Castaneda folgerte: „Kompetent kommunizieren ist das Eine – einen kompetenten Gesprächspartner zu finden, ist das Andere.“ Sich Zeit nehmen, zu verstehen, was jemand ausdrücken will: das sei die Grundlage für einen gelingenden Austausch, so der Kölner. „Macht UK – und habt Spaß miteinander“, riet er dem Publikum und zeigte, dass elektronische Kommunikationsgeräte wie das iPad diesen Spaßfaktor deutlich erhöhen können. Der Vielzahl technischer Hilfsmöglichkeiten stehen allerdings oft bürokratische Hürden gegenüber. Das wurde in der Podiumsdiskussion deutlich, an der mit Dirk P. und Bernd Seguin zwei Betroffene teilnahmen. Durch ein Schädel-Hirn-Trauma beziehungsweise einen Schlaganfall hatten sie von einem Moment zum anderen mit den Problemen der gesundheitlichen Rehabilitation ebenso wie mit Widerständen in Behörden zu kämpfen. „Ich bin stinksauer auf die kommunalen Kostenträger“, brachte es der ehemalige NDR-Journalist Bernd Seguin aus Hamburg auf den Punkt. Judith Hoffmann ergänzt: „Ich sehe da besonders unsere Kranken- und Pflegekassen in der Pflicht.“ Dass die Stadt Hildesheim darüber hinaus eine Stabsstelle für Inklusion und Demografie geschaffen habe, sei auf jeden Fall „ein Zeichen in die richtige Richtung“. Ralf Neite

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